Der Beruf als Richterin

„Es ist alles eine Geisteswissenschaft“

Einer der vielen Gerichtssäle am Amtsgericht in Berlin. Foto: Mats Kittner

Nur die besten Juristen können Richter oder Staatsanwalt werden. Das Klischee des höchstanspruchsvollen Jura-Studiums gibt es nicht erst seit gestern. Ingrid Kittner ist Amtsrichterin in Berlin Weißensee. Seit 1995 hat sie unzählige Fälle am Berliner Amtsgericht verhandelt. Im Interview mit MAERKZETTEL erklärt sie, wie dieser Beruf sie als Mensch geprägt hat und mit welchen Herausforderungen Richterinnen konfrontiert werden.

BERLIN. Der Werdegang eines Juristen ist schwer und lang. Dennoch bietet das Fach Jura etliche Berufsmöglichkeiten. Einer davon ist der Job als Richterin. Am Amtsgericht Weißensee arbeitet die 54-jährige Mutter von Zwillingen täglich mit mehreren Richterinnen und Richtern im Bereich des Zivilrechtes.

MAERKZETTEL: Was hat Sie dazu bewegt Jura studieren?

Ingrid Kittner: Ausschlaggebend war damals, dass der Vater eines Schulfreundes Anwalt war. Dadurch konnte ich in den Beruf ein wenig hinein schnuppern. Das fand ich wahnsinnig spannend, weil sich unsere gesamte Gesellschaft auf dem Recht stützt. Das Recht stellt den Rahmen für unsere Gesellschaft. Das wollte ich genauer verstehen und die Vorstellung damit Gutes zu bewegen war auch ausschlaggebend. Egal in welche Richtung ich da gehen würde, ich wollte Menschen helfen. Ich fand es interessant, dass man Menschen beiseite steht und ich wollte das Rechtssystem unserer Gesellschaft verstehen.

Was war Ihre persönliche Motivation Richterin zu werden?

Als ich angefangen habe Jura zu studieren, wollte ich eigentlich Rechtsanwältin werden. Und das aus dem Grund, da ich diesen Beruf interessanter fand. Während des Studiums habe ich dann gemerkt, dass der Beruf des Richters besser zu mir passt. Meine Stärken liegen eher darin, dass ich eine Thematik gut aus zwei Perspektiven betrachten kann. Denn als Anwältin vertrete ich nur eine Interessenseite. Und ich bin besser darin, mir beide Seiten anzuhören und dann eine Entscheidung zu fällen. Mir war aber auch klar, dass ich damit einen Beruf ausübe, der verantwortungsvoll ist und bei dem man auch ein Stück weit Macht besitzt. Dem fühlte ich mich aber gewachsen.

Ist das Jura-Studium denn wirklich so schwer wie alle sagen?

In meiner ersten Vorlesung hat mein damaliger Professor zu uns gesagt: „Jura Studenten sollen nicht glauben, dass einem das Jura-Studium Spaß macht“, aber ich muss sagen, dass mir das Jura-Studium Spaß gemacht hat. Und das Klischee, dass Jura-Studenten während des Studiums nur Inhalte auswendig lernen müssen ist ebenfalls totaler Quatsch. Ich finde das Jura-Studium wirklich sehr anspruchsvoll, es ist eine Geisteswissenschaft und wenn Studenten sich die Zeit nehmen und viel lernen, dann sind sie sehr breit in diesem Studium aufgestellt. Das bezieht sich auf das Denken und das Arbeiten. Natürlich habe ich oft während des Studiums geflucht, aber das Studium selber hat mir zu jedem Zeitpunkt gefallen.

Wie sieht der Beruf als Richterin konkret aus? Womit verbringen Sie am meisten Zeit?  

Einmal pro Woche habe ich mündliche Verhandlungen. Das ist ein Kernbereich meiner Tätigkeit. Ich mache Zivilrecht, da muss ich viel mit den Menschen sprechen und verhandeln. Schwerpunkt meiner Arbeit ist allerdings meine Büroarbeit. Dazu gehört, dass ich im Büro sitze und die Akten für die Verhandlungen vorbereite oder Urteile schreibe. Meine Hauptzeit verbringe ich somit am Schreibtisch. Das mag langweilig klingen, aber mir macht so etwas Spaß. Das ist ja das wahre Leben zwischen Bürgerinnen und Bürgern. Natürlich gibt es auch Fälle, die mir keinen Spaß machen. Aber der überwiegende Teil der Fälle ist sehr interessant. Ich liebe zum Beispiel Nachbarschaftsstreitigkeiten. Das ist sozusagen das, was direkt aus dem Alltäglichen Leben kommt. Den Streit, den ich dann bearbeite ist oft nur die Spitze des Eisberges. Es geht teilweise gar nicht um den kaputten Maschendrahtzaun oder den Haselnussstrauch. Die meisten ärgern sich über etwas anderes und suchen dann nach einem Ventil.

Was sind die Vorteile des Berufes als Richterin?

Für mich als Frau ist es sicherlich gut, dass ich relativ flexibel in der Gestaltung meiner Arbeitszeit bin. Ich kann auch sonntags in mein Büro gehen und dafür dann an einem anderen Tag von Zuhause arbeiten. Gerade während meiner Schwangerschaft war das für mich optimal. Das ist und war für mich der absolute Vorteil.

Und was sind die besonderen Herausforderungen?

Eine Herausforderung als Richterin ist, dass man immer entscheidet und damit vermeintlich das letzte Wort hat. Dadurch muss ich aufpassen, dass ich den Blick für das Umfeld nicht verliere. Als Amtsrichterin habe ich keinen Chef. Es gibt niemanden der mich kontrolliert. Ich finde es wichtig, dass man schaut, ob wir auch einen guten Job machen. Davon auszugehen, dass ich in meinem Beruf immer alles richtig mache, wäre falsch. Ich empfinde es als wichtig, dass auch Richter in ihrer Arbeit und ihren Entscheidungen überprüft werden. Ich spreche zum Beispiel viel mit Kollegen über Fälle, damit man nicht subjektiv wird. Das ist die richterliche Unabhängigkeit.

Lernen Sie in Ihrem Beruf die böse Seite der Menschen kennen?

Wenn man am Strafgericht arbeitet dann sicherlich. Aber das ist nicht die Gesamtheit der Gesellschaft. Es wäre aber naiv zu glauben, dass alle Menschen gut sind. Hier im Zivilrecht tun sich natürlich auch Sachen auf, wo ich mich frage warum sich zwei Parteien nicht vertragen oder warum bestimmte Situationen nicht einfach mal mit einem Gespräch gelöst werden können. Aber dann wird deutlich, dass in vielen Rechtsfragen die Meinung eines Dritten gebraucht wird, der dann auch entscheidet, wie das Problem zu lösen ist. Ich habe es aber nie so gesehen, dass mich das in meinem Menschenbild beeinflussen würde. Viele Aspekte davon sind in meinem Zivilrechtlichen Beruf einfach menschlich.

Erinnern Sie sich an einen Fall, der bis heute in ihrem Gedächtnis geblieben ist?

Ja auf jeden Fall. Es gibt einen Fall der ist schon über 20 Jahre her, da war ich Ermittlungsrichterin. Da ging es darum, dass zwei Jugendliche versucht haben, aufgrund eines lächerlichen Streites, sich gegenseitig umzubringen. Und das mitten auf der Straße. Einer von beiden hatte eine Waffe dabei. Das fand ich damals so schockierend, weil das so junge Menschen waren. Und nur wegen einer Nichtigkeit sind beide aufeinander losgegangen. Darüber denke ich heute noch nach. Beide haben auch nur durch Zufall überlebt. Da habe ich mich immer gefragt, was diese zwei Jugendlichen dazu bewegte, den anderen umbringen zu wollen. Beide waren nicht unter dem Einfluss von Drogen oder ähnlichem. Darüber komme ich bis heute nicht hinweg. An solche Fälle denke ich noch Zuhause oder Jahre später. Aber natürlich hatte ich als Ermittlungsrichterin auch krasse Mordfälle.

Wie spricht man dann mit solchen Menschen? Werden Sie dann emotional?

Nein, emotional werde ich dann auf keinen Fall. In dem Fall habe ich versucht zu verstehen, warum die beiden das gemacht haben. Aber die konnten mir darauf keine nachvollziehbare Antwort geben. Ich hatte den Eindruck, dass sie nachher selber nicht wussten, was sie dazu getrieben hat. Aber emotional werde ich dann nicht. Ich bin dann ganz in meiner Rolle als Richterin.

Was würden Sie jungen Menschen empfehlen, die Jura studieren wollen?

Es gibt die Möglichkeit nach dem siebten Semester einen Freischuss zu machen. Das heißt du kannst als Jura Student dein Examen einmal wiederholen, wenn es deiner Meinung nach schlecht ausgefallen ist. Davon würde ich abraten. Das Jura-Studium bietet neben dem strengen Stundenplan so viel andere, tolle Möglichkeiten. Da gibt es noch so viele Dinge zu lernen und die fallen alle dadurch weg, wenn man nur die Pflichtfächer studiert. Die Inhalte, welche nicht auf dem Pflichtstundenplan stehen, sorgen für ein gutes Gesamtbild. Ob das nun Rechtsphilosophie oder Geschichte ist, ist egal. Das ist auch alles wissenschaftliches Arbeiten. Und wenn man das zusätzlich macht, dann ist man besser aufgestellt und es macht mehr Spaß.

Von Mats Kittner
Veröffentlicht am 16.06.2020

Mats Kittner

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