Gesundheit und Pflege

Interview mit einer Krankenschwester – "Es ist schockierend verantwortungsvoll"

Gesundheits-und Krankenpfleger haben oftmals alle Hände voll zutun. Foto: Pixabay

ISERLOHN. In vielen deutschen Krankenhäusern herrscht großer Personalmangel: Es fehlt an Geld, Zeit, und Mitarbeitern, um die Patienten gut zu pflegen. Trotz alledem entscheiden sich auch immer noch Leute FÜR den Beruf als Gesundheits- und Krankenpfleger. MAERKZETTEL traf Sabine K. (23) zum Interview. Hier plaudert die frisch examinierte Krankenschwester aus dem Nähkästchen über ihr Berufsleben. Ob sie schon mal Medikamente mitgehen lassen hat oder sich vor bestimmten Sachen ekelt? Findet es heraus.

MAERKZETTEL: In welchem Betrieb hast du deine Ausbildung gemacht? 

Sabine: Im Evangelischen Krankenhaus Hagen-Haspe, die 3 Jahre ging. Es war ein Akutkrankenhaus, aber ein relativ Kleines. Hier in der Nähe gibt es keine großen Unikliniken, aber für die Ausbildung war es auf jeden Fall gut. Mit der Orientierung hat man es am Anfang noch nicht so – lacht.

 

MAERKZETTEL: Was musstest du in deiner Ausbildung alles machen? Beschreib uns doch einen ganz normalen Tag.

Sabine: Einen ganz normalen Tag im Krankenhaus gibt es nicht. Man kommt morgens zur Arbeit und weiß nicht, was passiert. Jeder Patient hat jeden Tag eine andere Laune, eine andere Gesundheit. Mal geht es ihnen besser, mal schlechter. Ich habe teilweise 20 Untersuchungen oder aber total ruhige Tage. Die typische Schüleraufgabe war allerdings bei ca. 40 Patienten erstmal den Blutdruck zu messen. Ich glaube jeder, der diese Ausbildung gemacht hat, weiß wovon ich spreche... Ein Traum... oder auch nicht. Im Frühdienst versorgt man die Patienten, damit sie sich wohl fühlen. Man ist aber nicht nur in der Pflege, sondern auch medizinisch unterwegs. Alles was wir tun, müssen wir zum Beispiel auch dokumentieren. Wer schreibt – der bleibt. 

 

MAERKZETTEL: Warum hast du dich für diesen Ausbildungsberuf entschieden?

Sabine: Ich war eigentlich schon immer eher die Kreativere. Ich hatte dann eine schulische Ausbildung zur Mediengestalterin gemacht, welche mir richtig gut gefallen hat. Allerdings habe ich dann gemerkt, dass ich nicht den ganzen Tag vor dem PC sitzen möchte. Das war nicht meins. Hobbymäßig gerne, aber nicht beruflich. Ich hatte schließlich überlegt, was mache ich denn jetzt? Wo geht es mit mir hin? Ich hatte mich daraufhin informiert und ein Freiwilliges Soziales Jahr im Altenheim gemacht. Das hat mir gut gefallen, allerdings stand früh für mich fest, dass ich nicht im Altenheim, sondern im Krankenhaus arbeiten möchte. Letztendlich habe ich mich für eine Ausbildung als Gesundheits-und Krankenpflegerin beworben und wie es das Schicksal wollte, wurde ich auch direkt als Azubi genommen. Ich finde meinen Job auf eine Art und Weise schön, weil ich es mag alten, oder generell Leuten, zu helfen. Ich war vorher immer in der Werbung tätig und hatte das Gefühl man veräppelt die Leute ein wenig. Jetzt mache ich etwas, was GUT ist. Wo ich mit einem guten Gewissen nachhause gehen kann. Das ist das, was mich erfüllt. 

 

MAERKZETTEL: Was gefällt dir am besten am Beruf und was nicht so sehr?

Sabine: Wie schon gesagt: Die Arbeit mit verschiedenen Patienten und Angehörigen, die unglaublich dankbar sind. Der Beruf ist eine Team-Work-Arbeit. Wir arbeiten Hand in Hand und das hat große Vorteile. Man kann mal Fragen stellen, ein paar Späße machen und ist einfach nie allein. Das ist das, was mir gefällt. Action ist auch immer dabei. Am Ende des Tages denkt man sich: Heute habe ich viel getan. 
Was mir nicht so gut gefällt: Momentan die Situation mit dem Personalmangel. Wir müssen oft einspringen. Die kurzen Wechsel zwischen Früh-, Spät- und Nachtschicht sind auch sehr nervenzerrend. Die Ruhezeiten sind teilweise echt zu kurz und für die Arbeit, die man erledigt, würde ich mir ein besseres Gehalt erhoffen. Was mir besonders fehlt: Die Wochenenden. Allerdings gefällt es mir auch mal mitten in der Woche frei zu haben. Für Arzt-Termine einfach super. Da haben andere Leute, die im Büro arbeiten Nachteile. 

 

MAERKZETTEL: Gesundheits- und Krankenpflegerin ist eine verantwortungsvolle Aufgabe. Wie gehst du mit dieser Verantwortung um?

Sabine: Es ist schockierend verantwortungsvoll. Man kann Menschen auf dem Gewissen haben, wenn jemand seine Arbeit nicht richtig ausführt. Wenn ich irgendeinen Fehler mache, könnte ein Mensch dafür sterben – natürlich nur im schlimmsten Falle. Man muss immer konzentriert bei der Sache sein. Wenn man ausgelernt ist, spürt man das umso mehr. Es gibt keinen „Welpenschutz“ mehr, aber dafür Kollegen, die einem immer zur Seite stehen. Das Team ist immer so durchmischt, das junge Kollegen von den Älteren lernen und niemand verurteilt jemanden, wenn eine Kleinigkeit noch nicht perfekt ausgeführt wird. Die Ärzte sind ja auch immer da. Es ist schon ein sehr verantwortungsvoller Beruf, da es nicht um Ware oder Maschinen geht, sondern um Menschen. Das habe ich immer im Hinterkopf. Außerdem bin ich kein Mensch, der alles mit nachhause nimmt. Trotzdem spreche ich auch mal außerhalb des Krankenhauses über Lustige oder eher nicht so schöne Erlebnisse. Natürlich immer, ohne den Namen eines Patienten zu nennen. Man sollte nie irgendetwas in sich hineinfressen.

 

MAERKZETTEL: Gibt es spannende, traurige oder lustige Augenblicke in deinem Beruf?

Sabine: Ja, es gab schon jeden dieser Augenblicke. Ich habe mit kranken Menschen zu tun und deswegen ist es natürlich traurig, wenn jemand nicht gesund wird und stirbt. Ein Patient erzählte mir einmal, dass seine pflegebedürftige Frau Zuhause ist und er aufgrund seiner Krankheit, nicht mehr helfen kann. Er weinte sehr viel deswegen und in solchen Fällen ist es natürlich auch meine Aufgabe, ihn zu trösten. Das sind manchmal so Momente, da denk ich mir, dass man nicht bei allem helfen kann. Ich finde es aber zum Beispiel sehr bewundernswert, wenn jemand als Patient im Krankenhaus ist und immer noch Späße auf Lager hat. Jeder Tag beinhaltet eigentlich immer spannende, traurige oder lustige Momente. 

 

MAERKZETTEL: Wie oft hast du miterlebt, dass ein Patient stirbt?

Sabine: In der Ausbildung nicht allzu oft. Es waren 6 Patienten, die ich versorgen musste und zwei habe ich auch selbst in den Raum der Verabschiedung gebracht. Seitdem ich examiniert und auf der Intensivstation tätig bin, da ist man von „krankeren“ Menschen umgeben. Da habe ich in meinen ersten 6 Wochen 6 Patienten in den Raum der Verabschiedung gebracht.

 

MAERKZETTEL: Wie ist das für dich?

Sabine: Dafür braucht man auf jeden Fall starke Nerven. Damit muss man allerdings rechnen, wenn man Krankenschwester ist. Wenn man Patienten längere Zeit betreut hat, dann weiß man auch, warum er gestorben ist. Die meisten älteren Patienten äußern auch oft, dass sie nicht mehr möchten. Viele Patienten haben nur noch Ärzte, Schwestern und Mitarbeiter. Die Familie kann auch nicht immer zu Besuch kommen. Wenn jemand die stolzen Jahre hinter sich hat und dauerhaft schwer krank ist finde ich es „befreiend“ für sie, erlöst zu werden, wenn es deren Wille war. 

 

MAERKZETTEL: Mein Beruf ist etwas für dich, wenn du… 

Sabine: deine Freizeit nicht magst – kleiner Spaß. Wenn man empathisch ist, offen gegenüber Menschen, wenn man gerne hilft und teamfähig ist. Es wird immer gesagt: „Krankenschwester ist eine Berufung und kein Beruf“, aber nur für diesen Beruf zu leben, finde ich falsch. Es ist nicht meine Berufung, weil mir mein Privatleben sehr wichtig ist. 

 

MAERKZETTEL: Das rate ich dir, wenn du meinen Berufsweg einschlagen möchtest:

Sabine: Bevor man die Ausbildung beginnt, sollte man auf jeden Fall ein Praktikum machen. Dort lernt man zwar nicht alles, aber man bekommt einen Einblick. Es gibt sehr viele Bereiche, die einem zur Verfügung stehen und man sollte am Ende der Ausbildung einen Bereich finden, der einem liegt und interessiert. Nur so wird man in diesem Beruf auch glücklich.

 

MAERKZETTEL: Wovor ekelst du dich bei Patienten am meisten?

Sabine: Tatsächlich finde ich viele Sachen ekelig. Jeder Mensch ekelt sich vor etwas, aber da muss man ein Mittel finden, wie man damit am besten umgeht. Man sollte schon bestimmte Sachen riechen und sehen können. Wenn ich zum Beispiel etwas „Ekeliges“ rieche, kann ich mir einen Mundschutz aufsetzen und Zitronenöl reinträufeln. Zum Glück ist es im Team so, dass jeder seine eigenen „Sachen“ hat, wovor er oder sie sich ekelt. Bei mir ist das der künstliche Darmausgang. Wenn ich da dran muss, hoffe ich auf nette Kollegen, die diese Aufgabe für mich übernehmen. Dafür übernehme ich dann Eine, die sie nicht so toll finden. Natürlich muss ich da aber auch oft selbst durch. Es ist schließlich mein Job.

 

MAERKZETTEL: Wie häufig erledigst du Aufgaben, die eigentlich ein Arzt tun müsste?

Sabine: Es gibt viele Aufgaben, die wir übernehmen, aber immer in Absprache. Um sich selbst als Pflegekraft zu schützen, würde ich nie etwas durchführen, was nicht dokumentiert oder angeordnet ist. Ärzte und Pflegekräfte sind ein Team, also helfen wir uns. Vor allem muss man in Notfällen handeln. Also: Es kommt schon mal vor, aber letztendlich verrichtet man die Arbeit, die einem zusteht und wofür man unterschrieben hat. 

 

MAERKZETTEL: Hast du schon mal Medikamente gestohlen?

Sabine: In Stresssituationen hat man mal was im Kasack und bemerkt erst am Ende des Tages in der Umkleide, dass man aus Versehen etwas mitgenommen hat. Allerdings bringe ich die dann wieder zurück. Also absichtlich auf jeden Fall nicht. Ein Kasack ist übrigens das Kleidungsstück eines Mitarbeiters in der Pflege.

 

MAERKZETTEL: Wäschst du dir vor jedem neuen Patienten die Hände?

Sabine: Nein. Waschen tu ich die wirklich nur, wenn ich in der Mittagspause bin oder groben Schmutz auf der Haut habe. Die Feuchtigkeit durch das Waschen ist eine Keimschleuder. Wir desinfizieren unsere Hände vor und nach jedem Patienten. Ich mache es so, wie ich es mir auch vom Pflegepersonal wünschen würde, wenn ich eine Patientin wäre.

Von Amber-Louise Esser
Veröffentlicht am 09.06.2019