Inklusion mal anders

Journalismus trotz Rollstuhl – Caput ist ein einzigartiges Projekt

Vierteljährlich erscheinen die Caput-Magazine. Foto: Daniel Immel
Die drei Redakteur Marianna, David und Pascal diskutieren während einer Konferenz. Foto: Daniel Immel
Bisherige Caput-Magazine, die erschienen sind, sowie Veranstaltungen, die im Bahnhofsgebäude veranstaltet werden. Foto: Daniel Immel
Redakteur David bei der Arbeit. Foto: Daniel Immel
Das Magazin erhielt für seine Besonderheit sogar verschiedenste Preise. Foto: Daniel Immel
Ein Unikat, eine Triumph Schreibmaschine ist eine absolute Besonderheit. Foto: Daniel Immel
Caput bedeutet Kopf, links daneben das Bild mit verschiedenen Beleidigungen, denen beeinträchtigte Personen oft ausgesetzt sind. Foto: Daniel Immel
Hier finden Veranstaltungen statt, die der große Bruder des Caput, "Bahnsteig 42", veranstaltet.
Wer die Caput-Redaktion besuchen will, ist hier genau richtig. Foto: Daniel Immel
Der ehemalige Bahnhof Letmathe wurde restauriert und beherbergt nun unter anderem das Caput. Foto: Daniel Immel

ISERLOHN. Caput ist Latein und bedeutet Kopf. Eine Zeitungsredaktion besteht aus vielen solcher Köpfe. Ist das in Letmathe erscheinende Magazin Caput nun also ein ganz normales Magazin? Ja und nein. Das Team der Redaktion besteht aus Menschen mit Behinderung. Eine absolute Seltenheit, obwohl solche Menschen doch eigentlich die selbe Qualität in ihren Texten erzielen können, wie es gesunde Menschen tun können.

Vor knapp sieben Jahren wurde Caput gegründet. Der Standort des „etwas anderen Magazins“, so der eigene Werbespruch, ist das renovierte Bahnhofsgebäude in Iserlohn-Letmathe. Die Redaktion ist Teil eines Projektes, dass die Iserlohner Werkstätten, Arbeitgeber für Menschen mit Handicap, ins Leben gerufen haben, den „Bahnsteig 42“. Ein Projekt, dass ein Paradebeispiel für vorbildliche Inklusion ist. Hier arbeiten Menschen mit Beeinträchtigung in einem Bistro, einem Kiosk und halt eben bei dem Magazin Caput.

Vom Schandfleck zum Paradebeispiel für Inklusion

Ebenerdig im Bahnhofsgebäude ist Caput ansässig. Das Gebäude wurde renoviert, galt vorher als ein Schandfleck Letmathes. Nach der Renovierung befindet sich die Caput Redaktion in der ehemaligen Wartehalle. Es handelt sich um einen größeren Raum, der an den Rest des „Bahnsteig 42“ angegliedert ist. Eine der vier Wände ist mit den bisherigen Ausgaben des Magazins und Veranstaltungsplakaten versehen, im Eingangsbereich stehen Auszeichnungen.

Alle wichtigen Bereiche sind für die Mitarbeiter zugänglich. Der Großteil von ihnen sitzt im Rollstuhl, hat also eine körperliche Behinderung. Trotz allem erweckt der Raum nichts Befremdliches oder Außergewöhnliches. Eigentlich handelt es sich sogar um einen ganz normalen Büroraum.

Sechs Redakteure hat das Magazin vorzuweisen. An dem Tag, als MAERKZETTEL sie besucht, sind sie zu dritt in ihrer Redaktion. David Calovini, der im Rollstuhl sitzt, Marianna Metta, die mit Glasknochen geboren wurde und ebenfalls auf den Rollstuhl angewiesen ist und Pascal Wink, der einzige in der Redaktion, der körperlich nicht beeinträchtigt ist und die Redaktion leitet. Eines vorweg, sollte man von einer tristen Stimmung im Team ausgehen, wird man eines Besseren belehrt – ganz im Gegenteil, sie wirkt sehr locker und positiv.

Ein Projekt mit Seltenheit

„Viele Menschen mit Behinderung finden in der Wirtschaft und der Gesellschaft keine Beachtung“, erzählt Wink. Durch ihre körperliche Beeinträchtigung seien sie für viele Arbeitgeber in ihrem Unternehmen nicht einsetzbar – so argumentieren jedenfalls viele Konzerne. Über die Richtigkeit lässt sich diskutieren. Folglich bleibt den meisten Menschen, die eine Behinderung besitzen, nur das Arbeiten unter ihresgleichen, also in einer Werkstatt. Dadurch besitzen sie zwar einen Job, jedoch sind sie weiterhin in der Gesellschaft außen vor. An diesem Punkt setzt das Magazin Caput an, Inklusion wird betrieben. Menschen, egal ob Behinderung oder nicht, treffen aufeinander und agieren miteinander. Durch ihren Beruf als Reporter kommen sie ständig mit verschiedensten Menschen in Berührung.

Ein solches Projekt gibt es in Deutschland bisher nur ein einziges Mal, hier in Letmathe. Wahrscheinlich gilt das auch für Europa, jedenfalls wissen die drei Caput-Redakteure nichts von einem zweiten, ähnlichen Projekt. „Dennoch hat Deutschland in Sachen Inklusion einiges aufzuholen, Skandinavien ist da weiter“, sagt Pascal Wink an.

„Das etwas andere Magazin“

Wer denkt, die Redaktion würde keinen richtigen Journalismus leisten, liegt falsch. Caput hat bisher über verschiedenste Themen berichtet und sich mit verschiedensten Menschen auseinandergesetzt. Ihr Credo lautet, sich erst mit einem Menschen auseinanderzusetzten, bevor man sich eine Meinung herausnimmt. Deutlich wird das an der Diversität, die das Magazin anbietet – es wurde über Nazi-Aussteiger, Prostituierte oder einem an ALS erkrankten und mittlerweile verstorbenen ehemaligen Eishockeyspieler berichtet. Themen, die man in dieser Variabilität in den wenigsten Medien vorfinden kann.

Menschen mit Behinderung werden in der Gesellschaft zu oft falsch angegangen. Eigentlich, so sollte eine Gesellschaft denken, ist eine solche Redaktion nichts Besonderes – Mensch ist Mensch. Schließlich sind die Angestellten, die dort arbeiten „ganz normal“. Doch immer wieder werden Personen mit Beeinträchtigung als Menschen zweiter Klasse gesehen. „Normale Menschen haben keine besondere Leistung erbracht, gesund geboren zu werden“, erzählt Wink. Er hat recht. Die Behinderung wird bei Caput überwunden, es geht darum, guten Journalismus zu erzeugen, interessante Artikel zu verfassen. Ein Prinzip ist es daher auf einer Ebene als Journalist mit seinem Gegenüber zu agieren, die Grenzen des Körpers zu überwinden. Dies mag so simpel klingen, ist jedoch in der Gesellschaft so schwierig umzusetzen.

Mensch ist Mensch

Dennoch, in den Räumen des Magazins herrscht eine positive Stimmung, Lachen ist absolut erlaubt. Ein lockerer Umgang mit der eigenen Behinderung ist erkennbar, die Redakteure machen sogar Witze über sich. An einer Wand hängt sogar ein Bild, auf welchem ausschließlich Beleidigungen aufgelistet werden. Von Krüppel bis Mongo, von Spasti bis Opfer. Worte, denen Menschen mit Behinderung immer wieder ausgesetzt sind. Trotzdem werden solche Ausdrücke von der großen Mehrheit der Gesellschaft nicht toleriert, sogar tabuisiert. Caput setzt mit diesem Bild ein Statement, lockert das Thema Umgang mit Behinderten auf. Es soll die Beleidigungen durch den Kakao ziehen. Frei nach dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung. Marianna vergleicht ihren Körper beispielsweise mit dem von „Bernd das Brot“. Ironie und positives Denken sind ein wichtiger Teil des Redaktions-Teams.

Ebenso wollen die Caput Redakteure nicht auf ihre Behinderung limitiert werden. Sie sind mehr als das, viel mehr, ganz normale Menschen. Den Eindruck, den man gewinnen kann, ist, dass sie so behandelt werden wollen, wie normale Menschen auch behandelt werden. Ein offener und ehrlicher Umgang miteinander statt Mitleid.

Inklusion und Umgang mit Menschen

Worauf die Redaktion ganz besonders stolz ist, ist, dass ihre Magazine auch ins Ausland wandern. Exemplare wurden schon in verschiedene Länder verschickt, Österreich und Italien zum Beispiel. Zudem wächst das Netzwerk und die Käuferanzahl des Magazins stetig durch steigende Aufmerksamkeit.

Ebenso hinterlässt das Magazin und seine Redaktion einen bleibenden, wenn man sich genauer mit Caput befasst. Neue Perspektiven werden geboten. Zum Einen auf das Thema Inklusion, zum Anderen auf das Thema Umgang mit Menschen. Denn egal ob Rollstuhl, geistige Beeinträchtigung oder völlige Normalität – Mensch ist Mensch.

Von Daniel Immel
Veröffentlicht am 04.06.2018