Menschen in geschlechtsuntypischen Berufen

„Wir Frauen brauchen zwischendurch ordentlich Biss“

Die 22-jährige Nele hat ihre große Leidenschaft in der Landwirtschaft gefunden. Foto: Nele Wiehoff
Seit 2017 studiert Nele Agrarwirtschaft in Soest. Foto: Nele Wiehoff
Die junge Landwirtin informiert auch regelmäßig Schulklassen über ihre Arbeit in der Landwirtschaft. Foto: Nele Wiehoff

Wer von Landwirten spricht, denkt wahrscheinlich eher an robuste Männer als an zierliche Frauen. Die 22-jährige Agrarstudentin Nele Wiehoff hat MAERKZETTEL verraten, wieso Berufe in der Landwirtschaft auch für Frauen spannend sein können und weshalb sie sich in der Branche so wohlfühlt.

HAMM. Bei einer Umfrage des Deutschen Landwirtschaftsverlags im Jahr 2019, gaben nur 8% der rund 500 befragten Frauen an, alleine wichtige Entscheidungen auf landwirtschaftlichen Betrieben zu treffen. Diese und weitere Statistiken zeigen, dass besonders Männer in dieser Branche aktiv sind. Doch auch einige Frauen wie Nele haben eine Leidenschaft für alles rund um die Landwirtschaft. 

Maerkzettel: Woher stammt Dein persönliches Interesse an der Landwirtschaft?

Nele Wiehoff: Bei uns liegt die Landwirtschaft in der Familie: Mein Opa, mein Papa und mein Bruder sind Landwirte. Ich selbst bin auch auf einem landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen und war schon immer von der Landwirtschaft begeistert. Deshalb studiere ich seit zweieinhalb Jahren Agrarwirtschaft in Soest und arbeite nebenbei auf verschiedenen landwirtschaftlichen Betrieben.

Auch anhand der Landwirte in Deiner Familie zeigt sich, dass überwiegend Männer in der Landwirtschaft aktiv sind. Inwiefern merkst Du während des Studiums, dass landwirtschaftliche Berufe oft von Männern ausgeführt werden?

In meinem Semester sind 75 Prozent männliche und 25 Prozent weibliche Studenten. Bis auf diese Zahlen merke ich aber eigentlich nicht, dass es mehr Männer sind. Wir lernen alle dieselben Inhalte und werden als Studenten – unabhängig vom Geschlecht – gleichbehandelt. In den unteren Semestern sind die Anteile der Geschlechter sogar fast ausgeglichen. Auch Frauen interessieren sich für die Landwirtschaft. Allerdings arbeiten wir nach dem Studium eher in der Forschung oder der Futtermittelindustrie, während die meisten Männer die Arbeit bei landwirtschaftlichen Betrieben wählen.

Wie siehst Du Deine berufliche Zukunft nach dem Studium in der Landwirtschaft – eher in der Forschung oder doch bei einem Betrieb?

Ich bin mir noch gar nicht sicher, in welchen Bereich ich gehen möchte. Vielleicht gehe ich erstmal auf einen Betrieb. Wenn ich allerdings später Kinder habe, wird das schwierig. Ich mache mir diesbezüglich Sorgen, weil ich dann, während der Schwangerschaft, die schwere körperliche Arbeit nicht mehr richtig ausführen kann. Vielleicht gehe ich dann in die Forschung. Aufgrund meines Studiums habe ich ziemlich viele Möglichkeiten und ich schaue optimistisch in meine berufliche Zukunft.

Welche persönlichen Erfahrungen hast Du in der Landwirtschaft als Frau zwischen den vielen Männern gesammelt?

Ich musste mich bis jetzt auf neuen Betrieben immer erst beweisen. Manchmal bekommen wir Frauen die einfacheren Aufgaben zugeteilt, weil die Männer uns nicht so viel zutrauen: Körperlich und auch mental. Mein aktueller Chef hat mich zu Beginn gefragt, was ich eigentlich auf seinem Betrieb machen möchte und überhaupt kann. Mittlerweise konnte ich ihm aber zeigen, dass ich mindestens genauso gut in dem Job bin, wie meine männlichen Kollegen. Eine Sache war für mich während meiner ersten Nebenjobs und Praktika etwas ungewohnt: Die männlichen Kollegen sehen Frauen in der Landwirtschaft teilweise eher als Flirtobjekt. Mittlerweile habe ich mich daran aber gewöhnt und nehme das mit Humor.

Inwiefern wäre der Alltag in der Landwirtschaft für Dich entspannter, wenn Du keine Frau wärst?

Im Stall kann ich mich aufgrund meines Wissens gut gegen die Männer durchsetzen. Besonders durch mein Studium und meinen familiären Hintergrund habe ich eine solide fachliche Kompetenz. Beim Ackerbau sieht es etwas anders aus. Viele meiner männlichen Kommilitonen arbeiten neben dem Studium für Lohnunternehmen im Ackerbau. Das würde ich als Frau eher nicht machen, weil Frauen in diesem Bereich oft belächelt und nicht ernst genommen werden.

Welche positiven Aspekte siehst Du als Frau in der Landwirtschaft?

Wir Frauen arbeiten teilweise aufmerksamer und genauer als Männer. Beispielsweise bei der Geburt der Ferkel habe ich durch meine schmalen Handgelenke und kleinen Hände einen Vorteil. Ich habe auch schon festgestellt, dass ich bei solchen Vorgängen auch vorsichtiger bin, als viele Männer. Außerdem können wir Frauen organisatorische Sachen manchmal besser und sind grundsätzlich ordentlicher. Natürlich gilt das nicht für alle – das sind nur meine persönlichen Erfahrungen.

Was würdest Du anderen Frauen raten, die sich für eine berufliche Zukunft in der Landwirtschaft interessieren?

Ich würde ihnen auf jeden Fall raten, ihre Ziele zu verfolgen. Wir Frauen brauchen zwischendurch zwar ordentlich Biss und es herrscht oft ein rauerer Ton als bei einem Bürojob – aber es macht auch unglaublich viel Spaß! Für die ersten Berufserfahrungen würde ich immer Höfe wählen, die bereits Frauen ausgebildet oder beschäftigt haben. Wer Probleme direkt anspricht und immer engagiert und ehrlich bleibt, kann sich in der Landwirtschaft durchsetzen – egal ob Mann oder Frau.

Von Maite Hegemann
Veröffentlicht am 11.04.2020

Maite Hegemann

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