Automatische Organspende: Ja oder Nein?

Zurück ins Leben durch eine Organspende

Klaus Dombrowski hat vor 3 1/2 Jahren eine neue Leber transplantiert bekommen. Jetzt möchte er seine Erfahrungen weitergeben und anderen Menschen Mut machen. (Foto: Klaus Dombrowski)
Bundesgesundheitsminister stellte vergangene Woche einen Gesetzvorschlag zur Widerspruchslösung vor. Er möchte, dass alle Leute automatisch Organspender sind, sofern sie nicht widersprechen. (Foto:Welt)

Bochum. Wie es ist, wenn das eigene Überleben von einem Spenderorgan einer anderen Person abhängt, weiß Klaus Dombrowski vom Bundesverband für Organtransplantierte (BDO) nur zu gut. Im Interview mit MAERKZETTEL erzählt der 55-Jährige von seiner eigenen Krankheitsgeschichte und seiner Einstellung zum Gesetzentwurf von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zur automatischen Organspende.

Herr Dombrowski, wie haben Sie von ihrer Krankheit erfahren?

Das war reiner Zufall! Ich habe als Baumaschinist in Bochum gearbeitet und da mussten wir alle zwei Jahre zu einer ärztlichen Untersuchung. Bei der Untersuchung 2008 hatte ich gigantische Leberwerte. Eine Spiegelung der Leber hat dann ergeben, dass ich die Krankheit primär sklerosierende Cholangitis (PSC) habe. Das ist eine irreparable, chronische Entzündung der Gallenwege. Es stand dann relativ schnell fest, dass ich eine Transplantation brauche, denn meine Krankheit bringt die Leber irgendwann zum Kollabieren. 

Wie lange hat es dann gedauert, bis Sie das Organ erhalten haben?

Ich wurde 2009 erstmal passiv auf die Warteliste in Münster gesetzt und habe dann auch noch weiter gearbeitet, weil es mir relativ gut ging. Als ich 2014 auf der Arbeit umgekippt bin, gingen auch meine Werte schnell in den Keller. Dann war klar, dass ich schnellstmöglich eine neue Leber brauche. Innerhalb eines Jahres bekam ich dann, am 09.11.2015, den Anruf, dass es ein passendes Organ gibt. Noch am selben Tag konnte ich direkt nach Münster fahren, um operiert zu werden. 

Sie haben gerade gesagt, dass Sie passiv auf die Warteliste gesetzt wurden. Was heißt das und wie hat es dann plötzlich so schnell geklappt?

Auf der Warteliste geht es nach MELD-Score-Punkten, das sind Gesundheitspunkte. Daran wird der Gesundheitszustand eingeordnet. Es beginnt unten bei 4 Punkten. In dem Bereich war ich auch in den ersten Jahren nach der Diagnose. 25/30 Punkte hat man, wenn der Gesundheitszustand sehr kritisch ist. Ich hatte 30 Punkte, als die Werte so schlecht waren. Deshalb ging das dann auch so schnell. Es ist also nicht mehr so, wie noch vor ein paar Jahren, dass es nur nach Wartezeit geht.

Wie geht es Ihnen heute mit dem Spenderorgan?

Das Organ selber funktioniert wunderbar und ich habe super Leberwerte. Ich bin auch echt dankbar, dass ich es bekommen habe und dass es Leute gibt, die bereit sind zu spenden. Ich muss noch um die 14 Medikamente pro Tag nehmen. Die sind hauptsächlich dafür da, das Immunsystem herunterzufahren, damit mein Körper das Organ nicht abstößt. Dadurch bin ich zwar anfälliger für Krankheiten, aber das nehme ich natürlich in Kauf. Sonst könnte ich hier gar nicht mehr mit Ihnen reden.

Ist denn ein Kontakt mit den Angehörigen möglich?

Nein, das ist es nicht. Es war mal möglich, einen Dankesbrief zu schreiben, der über die Organisation geschickt wurde, aber Kontakt nicht. Ich wüsste auch gar nicht, wie das für die Familie ist und welches Schicksal sie erlitten haben. Alles was ich weiß ist, dass meine Leber von einer Frau aus Hamburg kommt.

Gesundheitsminister Jens Spahn hat neulich eine Widerspruchsregelung vorgestellt, bei der jeder als Organspender gelten soll, wenn er nicht widerspricht. Würden Sie das befürworten?

Auf jeden Fall! Ich denke, dass es dann nicht mehr einen so großen Mangel an Spenderorganen geben wird. Im letzten Jahr wurden die Zahlen auch besser, dadurch, dass es so viele Diskussionen um das Thema gab. Ich finde auch, dass sich jeder einmal damit auseinandersetzen sollte. Denn dann ist es abgehakt, auch wenn man ,nein’ ankreuzt. Dann fällt im Fall der Fälle die Entscheidung nicht zu Lasten der Familie aus. Ich habe auch einen Organspendeausweis.

Warum denken Sie, setzen sich so wenig Menschen mit dem Thema auseinander?

Weil so viel Negatives daran hängt. Niemand setzt sich gern mit dem Tod auseinander. Vor 2008 habe ich das ehrlich gesagt auch nicht getan. Schlagzeilen, dass ein Arzt mal bei einem Patienten die Maschinen zu früh abgestellt hat, um jemand anderem, der dieses bestimmte Organ gerade dringend braucht, das Leben retten zu können, höre ich oft als Grund. Das kann man aber gar nicht pauschalisieren und das ist auch gar nicht möglich. Bevor die Organe entnommen werden, muss ja erstmal von zwei unabhängigen Ärzten der Hirntod festgestellt werden.

Dürfen Sie denn auch noch Organe spenden?

Ja natürlich. Ich hab auch einen Organspendeausweis. Ich möchte ja auch etwas zurückgeben. Deshalb bin ich jetzt auch bei der BDO. Da stehen wir an Ständen und klären Leute über die Organspende auf. Es ist immer ein Erfolg, wenn sich jemand eine Broschüre mitnimmt.

Was sollte sich Ihrer Meinung nach in Zukunft ändern, um mehr Leute von einem Organspendeausweis zu überzeugen?

Wir müssen wegkommen von dem negativen Touch. Außerdem wird heutzutage für alles Geld ausgegeben und es wird immer nur eine heile Welt gezeigt. Da kann man doch auch ein paar Euro in eine Kampagne stecken oder ein Video drehen, das einem das Thema in Erinnerung ruft und eben positiver gestaltet. Das wünsche ich mir! Und man muss sich vor Augen halten: Die Wahrscheinlichkeit, Organspender zu werden, ist im Gegensatz zur Wahrscheinlichkeit, ein Organ zu benötigen, viel geringer, da viele gesundheitliche Faktoren übereinstimmen müssen.

Infobox

Etwa 9.500 Menschen in Deutschland warten auf ein Spenderorgan.

2018 gab es bundesweit 955 Organspender.

Im Vergleich zum Jahr 2017 mit 797 Organspendern ist das ein Anstieg um 20 Prozent.

Insgesamt besaßen vergangenes Jahr 36% einen Organspendeausweis.

Von Janine Glormann
Veröffentlicht am 08.04.2019