Bergbau – Fluch oder Segen?

Bergbau unter Tage, Baustelle über Jahre. Hängt das zusammen?

Bei seinem Spaziergang über den Schillerplatz stößt man auf dieses Schild. Foto: Luisa Bialas
So sieht es momentan am Schillerplatz aus. Foto:Luisa Bialas
Frau Dr. Sandra Hertel, Museumsleiterin und Historikerin, erklärt uns Einiges zum Thema Bergbau in Iserlohn. Foto: Assia Karnbach
Bei einer Bohrung im Bereich des Schillerplatzes wurden zwei Bohrkerne sichergestellt, die zeigen, dass der Boden aus Kalk sowie Galmei besteht. Foto: Luisa Bialas
Bei der Bohrung im Bereich der Rathaus-Brücke wurde in 32-34 Meter Tiefe Massenkalk festgestellt. Foto: Luisa Bialas
Dieser Bohrkern stammt aus dem Bereich des Schillerplatzes. In 14-16 Meter Tiefe befindet sich Galmei. Foto: Luisa Bialas
Das ist Galmei. Foto: Luisa Bialas
Im 19. Jahrhundert wurde der Galmei zu reinem Zink weiterverarbeitet. Foto: Luisa Bialas
Ein Bild aus dem Jahre 1868. Es zeigt den Wochenmarkt in der Iserlohner Innenstadt. Links ist der schlammige Galmei-Boden zu sehen. Im Hintergrund die katholische Kirche. Foto: Luisa Bialas
Situationsriss vom Galmeilager Hermann 1874. Hier sind Senkgruben und Bodensenkungen im Bereich der Lehmkule (Schillerplatz) eingezeichnet. Foto: Luisa Bialas
Ein Artikel vom 29. Juni 1876 aus dem Iserlohner Kreisanzeiger. Unter dem Titel "Zur Chronik von Iserlohn" berichtet er über die Verhandlungen der Iserlohner Bodensenkungen im Abgeordnetenhaus. Für den IKZ war der Bergwerksverein für alle Schäden verantwortlich. Foto: Luisa Bialas

ISERLOHN. Der Schillerplatz ist eine einzige Baustelle. Die Sanierungsarbeiten dauern schon lange an und es ist kein Ende in Sicht. Hinzu kommt der Abriss der Schillerplatzbrücke am vorletzten Wochenende. Warum das alles? Eine mögliche Antwort auf diese Frage bietet die neue Ausstellung „Fluch und Segen“ des Stadtmuseums Iserlohn.

Ein Spaziergang durch die Iserlohner Innenstadt. Man läuft durch gepflasterte Straßen und ist von Geschäften und alten Gemäuern umgeben. Ein schönes Städtchen in idyllischer Atmosphäre. Die Innenstadt hat eine Vielzahl an Geschäften zu bieten – und ist das Richtige nicht dabei, dann wird man mit Sicherheit bei Karstadt am Schillerplatz fündig. Die Einkaufspassage entlang, einmal abbiegen und schon ist man dort. Das Erste, was man sieht: Absperrungen, Zäune, Baumaschinen und Schlamm – direkt neben dem großen Kaufhaus. Ein Schild „Schillerplatzbrücke gesperrt“ weist auf eine Umleitung für Fußgänger hin. Da schwindet die Idylle und man fragt sich „Was ist hier passiert?“.

Im Jahr 2014 kaufte die Stadt Iserlohn die Karstadt Immobilie, womit der Startschuss für die Entwicklung des Schillerplatzes gefallen war. Auf der Internetseite der Stadt Iserlohn heißt es: Heutzutage weist das gesamte Areal gravierende Defizite auf; sowohl in der städtebaulichen Qualität als auch in der baulichen Substanz.“ 
Letzteres wird häufig mit der Geschichte des Bergbaus in Iserlohn in Verbindung gesetzt. 

Die Ausstellung „Fluch und Segen“ im Stadtmuseum Iserlohn geht der Sache auf den Grund und beleuchtet die aktuelle Problematik der Bausubstanz unter der Stadt. Dr. Sandra Hertel, Historikerin und Leiterin des Stadtmuseums, erklärt, dass das Hauptproblem die natürliche Bodenbeschaffenheit sei und nicht direkt der Bergbau. Iserlohn befindet sich auf einem Massenkalkzug. Die oberen Bodenschichten bestehen also zu großen Teilen aus Kalk, der sehr zerbrechlich ist und die Höhlenbildung begünstigt. Aber auch der sogenannte Galmei durchzieht den Untergrund Iserlohns – ein sehr instabiles und bröseliges Zinkerz. Davon ist vor allem die Innenstadt betroffen, denn unter Tage erstreckt sich eine große Galmei-Grube angefangen vom Sparkassengebäude am Schillerplatz bis hin zum Autohaus Gebrüder Nolte an der Mendener Straße. 

Und welche Rolle spielt dabei der Bergbau?

Dazu erklärt Sandra Hertel Einiges im Rahmen der Ausstellung. Schon im Mittelalter baute man Galmei ab, um unter der Zugabe von Kupfer Messing herzustellen. Es wurde allerdings plan- und regellos gegraben, sodass es schwer nachzuvollziehen war, wo sich die Gruben befanden. Erst später gab es Karten, auf denen die Lage der Schächte und Stollen dokumentiert wurde. Um 1750 wurde die Messinggewerkschaft gegründet. Das war der Beginn der Blütezeit des Galmei-Bergbaus. Man verfolgte das Ziel, die Produktion und Weiterverarbeitung des Messings auf den Standort Iserlohn zu beschränken. So bezahlte man weniger Zölle und machte mehr Profit. Zu der Zeit war Iserlohn sehr wohlhabend – der Bergbau war also ein Segen, oder?

Bürger fordern Verbot des Bergbaus – der Fluch.

Wie bei jeder Medaille gab es auch hier eine Kehrseite. Schiefe Gebäude, die kaputte katholische Kirche und Bürger, die auf ihren Schulden sitzen blieben. „[…] wo Euer verwünschter Bergbau sich nur zeigt, da wird ja augenblicklich Alles so entwertet, dass man Haus und Dorf nicht mehr verkaufen kann […]“, heißt es 1876 in dem Zeitungsartikel „Zur Chronik von Iserlohn“ im Iserlohner Kreisanzeiger.  
Ab 1870 bedrohten Bodensenkungen die Stabilität der Iserlohner Gebäude. Die Stadt beschuldigte den Märkisch-Westfälischen Bergwerksverein diese Bodensenkungen durch den Galmei-Abbau hervorgerufen zu haben. Da er vom Oberbergamt unterstützt wurde, sahen viele Bürger den Bergwerksverein als den „bösen, kapitalistischen Verein“ an, der unter der Stadt herrschte, erklärt Sandra Hertel. Andersrum machte der Bergwerksverein die Stadt Iserlohn für die Bodensenkungen verantwortlich: Ab 1830 wurden Senkgruben zur Entsorgung des Abwassers angelegt, wobei das Wasser in das Kalkgestein abgeleitet wurde. Darin sieht der Bergwerksverein die erste Ursache für die Bodensenkungen. Die zweite Ursache sei ein Fehler der Stadt bei der Installation der Wasserleitungen gewesen. Das Wasser fließe in das Bergwerk, sodass dadurch neue Bodensenkungen entstünden. Beide Streitparteien ließen Gutachten erstellen – natürlich zu ihren Gunsten. Die Gutachten des Bergwerksvereins erklärten die Stadt Iserlohn für schuldig und umgekehrt.

„Heutzutage ist wegen des Bergbaus nichts einsturzgefährdet.“, verrät die Leiterin des Stadtmuseums. Und auch damals sei nicht der Bergbau für die Bodensenkungen verantwortlich gewesen, sondern die Wasserleitungen im Iserlohner Untergrund und die Senkgruben, die zur Abwasserentsorgung angelegt wurden. Die Gebäudeschäden im 19. Jahrhundert hätten verhindert werden können, wenn die Stadt das Areal nicht zur Bebauung freigegeben hätte. Heute sieht das etwas anders aus. Karstadt steht beispielsweise auf einem tiefen Betonfundament. Alte Bergbauschächte wurden mit Beton verfüllt. Die Sanierung des Schillerplatzes und der Abriss der Schillerplatzbrücke stehen also in keiner direkten Verbindung mit den Folgen des Bergbaus. Vielmehr sind es schlechte Materialien, die verbaut wurden, eine unzureichende Bauweise der Brücke und die instabile Bodensubstanz, die dafür sorgen, dass der Schillerplatz heute eine einzige Baustelle ist und die Brücke abgerissen werden musste.

Das ist hier also passiert!", kann man sich jetzt bei seinem nächsten Spaziergang über den Schillerplatz denken, wenn man die Absperrungen, Zäune, Baumaschinen und den Schlamm sieht, oder besser: den Galmei. 

Von Luisa Bialas
Veröffentlicht am 04.11.2019