Frauenhaus-Leiterin Anna Müller

„Zu uns kommen nur Frauen, die von Gewalt betroffen sind“

Anna Müller im Interview. Foto: Isabel Scheele

ISERLOHN. Anna Müller leitet seit mehr als zehn Jahren mit vollem Einsatz eines der Frauenhäuser in Iserlohn und kümmert sich mit ihren Kolleginnen um Frauen, die häusliche Gewalt erlebt haben. Diese Arbeit umfasst nicht nur die Leitung des Frauenhauses, sondern bedeutet auch, den geschädigten Frauen ein Stück Sicherheit zurückzugeben. Diese Sicherheit haben sie nämlich verloren.

MAERKZETTEL: Das Thema ist immer noch problematisch. Wie erleben Sie die Gewalt?

Anna Müller: Das Thema ist allgegenwärtig. Gerade durch den Harvey Weinstein-Skandal bekommt das Thema jetzt Aufmerksamkeit in den Medien, da sich Frauen in den sozialen Medien jetzt vermehrt outen, auch Opfer von Missbrauch geworden zu sein und ihre Geschichten unter dem Hashtag me too teilen. Bei den Fällen, die jetzt in den Medien kusieren, sieht man ganz klar das gesellschaftliche Problem: Männer sind übergriffig. Leider geht die Gesellschaft auch zu lässig damit um. Es kann nicht sein, dass Frauen sich verantwortlich fühlen, nur weil sie einen kurzen Rock tragen. Doch bei den Frauen, die hierher kommen, geht es mehr um häusliche Gewalt. Es geht oft um dieses Machtverhältnis, und das ist nicht korrekt.

Und die Aufgabe des Frauenhauses ist es, dagegen zu wirken?

Wir betreuen hauptsächlich Frauen aus Beziehungsgewalt – also aus häuslicher Gewalt. Wenn der Mann die Frau extrem terrorisiert, ihr zum Beispiel auflauert, dann findet sie bei uns Zuflucht. Es ist wichtig, die Frauen so zu nehmen, wie sie sind und zu bestärken. Sie haben viele wundervolle Qualitäten. Doch leider haben die meisten Frauen wenig Selbstbewusstsein, das muss man wieder aufbauen, und darin liegt auch eine Aufgabe des Frauenhauses.

Um was für Frauen handelt es sich?

Überwiegend sind sie zwischen 18 und 30 Jahren alt. Teilweise handelt es sich auch um sehr junge Frauen, welche vor den Eltern fliehen, da sie sie verheiraten wollen oder schlagen. Was bemerkenswert ist: Das Thema häusliche Gewalt geht durch alle sozialen Schichten.

Und diesen Frauen wollen sie helfen?

Ja, ich habe im Studium schon gemerkt, dass das Thema wichtig ist. Ich denke, da kann man viel bewegen.

Wie wird das Frauenhaus finanziert?

Einen Teil übernimmt der Märkische Kreis, jedoch nur die grundlegenden Sachen. Wenn wir mal ein Fest feiern wollen oder Spielsachen für die Kinder benötigen, laufen solche Dinge über Spenden.

Ist der Bedarf höher als die Kapazitäten?

Der Bedarf ist sehr hoch. Dieses Jahr haben wir überhaupt keinen Platz. Wir haben bisher 155 Frauen in andere Frauenhäuser verwiesen, weil wir die Kapazitäten so nicht haben. 

Sie sprachen das Thema Kinder an. Wie sieht es mit Müttern aus, die zu Ihnen kommen?

Viele Frauen kommen auch mit Kindern. Die Kinder werden in Spielgruppen betreut, damit sie das, was sie von der Gewalt mitbekommen haben, verarbeiten können. Die Kinder sind geschädigt, auch wenn sie selber nicht geschlagen wurden, sie bekommen es mit. Oft wollen die Väter ihre Kinder sehen: Vor allem kleine Jungs haben oft eine Bindung zu ihren Vätern, auch wenn diese wissentlich die Mutter geschlagen haben. Für kleine Jungs hat der Vater trotzdem noch manchmal eine Vorbildfunktion.

Wie reagieren die Männer?

Es gibt zwei Arten von Männern: Es gibt die sehr gewalttätigen, welche alles daran setzen, den Aufenthaltsort der geflohenen Frau herauszufinden und dann tatsächlich auch hier auftauchen. Und es gibt die, welche nach außen hin unscheinbar wirken. Diese Männer würden niemals hier erscheinen und die Frauen in der Öffentlichkeit terrorisieren. Sie würden sich ihre Gewalttätigkeit nicht außerhalb der eigenen vier Wände anmerken lassen. 

Wie geht es nach dem Aufenthalt im Frauenhaus weiter?

Die Hilfe geht natürlich über den Aufenthalt hier hinaus: Wir helfen den Frauen bei Anträgen, da manche die Sprache nicht beherrschen. Oder wir suchen Wohnungen mit ihnen. Der Aufenthalt beträgt meist nur vier Wochen. Wir warten, bis die Frauen wirklich angekommen sind, damit sie gute Entscheidungen treffen können, was das Leben nach dem Frauenhaus betrifft. Manche gehen auch zu den Männern zurück, in der Hoffnung, sie würden sich ändern.

Von Isabel Scheele
Veröffentlicht am 06.11.2017