Ein Selbstversuch

Hier schafft man noch mit Herz und Hand

Handarbeit schafft Unikate und macht die Arbeit zu etwas Besonderem. Foto: pixabay.de

MENDEN. Ich stiefle an einem warmen Frühlingsabend durch die Mendener Innenstadt. Auf meinem Weg zur Stadtbücherei komme ich an Cafés, Geschäften und Restaurants vorbei. Die Stadt ist heute sehr belebt. Viele Menschen tummeln sich um den Kirchplatz und genießen das Wetter. Dann bin ich an der Stadtbücherei angekommen.

Die Stadtbücherei, auch bekannt als Dorte-Hilleke-Bücherei, befindet sich in einem alten, sehr prachtvollen Gebäude. In der Mitte entdeckt man einen turmartigen Ausbau, geschützt durch einen Balkon im ersten Stock, der den Eingangsbereich mit vielen Bögen überdacht. Ich schreite durch einen dieser Bögen und betrete das Gebäude. Im ersten Stock werde ich bereits freundlich von Veronika Czerwinski in Empfang genommen.

Hier nehme ich heute an einem der „Ran an die Nadel“-Treffen teil. Ins Leben gerufen hat das Treffen die Stadtbücherei in Menden selbst. Damit wollen sie Jung und Alt anregen, sich mehr mit den verschiedenen Handarbeitstypen auseinanderzusetzen. Ganz egal ob Stricken, Häkeln oder Nähen: Das Treffen bietet Platz für einen regen Austausch über jedes der einzelnen Themen. „Wenn einer irgendwelche Strickprobleme hat, dann werden hier Erfahrungen ausgetauscht, weil hier sehr erfahrene Stricker dabei sind“, erklärt mir Veronika Czerwinski.

Ran an die Nadeln

In der Runde finde ich heute nur zwei Frauen. Sonst seien es jedoch fünf Frauen, die alle zwei Wochen an den Treffen teilnehmen. Sie sitzen in einer bequemen Sitzecke, in der ich mich sofort wohlfühle. Zwischen Bücherregalen und an den Fenstern des großen Gebäudes fühle ich mich geborgen. Alle haben eine Tasche bei sich, aus der bereits Nadeln oder Stoffe herausschauen. Doch diese Taschen werden zunächst nicht weiter beachtet. Zuerst tauschen sich die Frauen über Neuigkeiten aus und erlauben sich einen kleinen Tratsch über die Familie. Ich werde sofort in das Gespräch mit eingebunden. Fragen wie „Was studieren Sie?“ und „Was macht man da?“ sind die ersten Fragen, die mir gestellt werden. Sie versuchen sich ein Bild davon zu machen, wer ich bin und was ich in meiner Freizeit so tue. Dass Handarbeiten nicht unbedingt zu meinen Hobbys gehört, muss ich nicht aussprechen. Denn das scheinen sie bereits zu ahnen.

Dann geht es los. Die Frauen packen ihre Taschen aus und präsentieren mir ihre verschiedenen Projekte. Dabei fällt mir eine große Liebe der Frauen direkt ins Auge: Das Stricken. Während eine einen Pullover strickt, hat sich eine andere für einen Poncho entschieden. Die Geschmäcker fallen aber auch bei der Farbwahl unterschiedlich aus. Eine Farbe fasziniert mich sehr. Ich erfahre, dass es sich dabei um ein Verlaufsgarn handelt, das nach einiger Zeit immer wieder die Farbe wechselt und somit in einem dunklen Ton beginnt und in einen hellem endet. Sie habe das Verlaufsgarn in einem Geschäft in Kappeln an der Schleie gekauft, erzählt mir die Frau. „Das ist ein Garngeschäft, ‚Hundert Farbspiele‘ heißt es und die haben ganz tolle Verlaufsgarne dort. Da habe ich das Garn ‚am Meer‘ gefunden. Es verläuft von einem dunklen Grünton über einen beigemischten, weißen Faden und geht dann in ein Blau über, was dann erst hellblau und dann dunkelblau wird.“

Doch warum gerade Stricken?

Die meisten jungen Menschen sehen Stricken eher als eine Beschäftigung für ältere Menschen. Nur die wenigsten kommen in ihrer Freizeit auf den Gedanken, sich eine Mütze, Handschuhe oder gar einen Schal zu stricken. Viel zu einfach kommen sie an Produkte, die günstig sind. Da kommt keiner mehr auf die Idee, sich selbst hinzusetzen und etwas zu produzieren. Wenn dann mal ein Kleidungsstück kaputt geht, wird es entweder zu Mama oder zu Oma gebracht, die den geliebten Artikel dann flicken.

Ich frage deshalb in die Runde, was diese Frauen dazu bewegt, diese Aufgabe selbst in die Hand zu nehmen und das Stricken von Pullovern, Mänteln, Jacken oder Schals selbst zu übernehmen. „Wir stricken nicht für andere, sondern wir stricken für uns, sodass wir das tragen können“, antwortet die Erste. Die andere bringt einen neuen Aspekt ein: „Jedes Strickprojekt ist ein Unikat. Es ist immer etwas Besonderes.“

Das Einzige, was zählt, bist du selbst

Es ist dieser Aspekt, der mich letztendlich ins Grübeln bringt. Auf dem Weg nach Hause lasse ich das Treffen noch einmal Revue passieren und denke über die vielen Worte der Frauen nach. Denn eigentlich haben sie Recht. Wir geben uns mit den Dingen zufrieden, die andere Menschen für uns anfertigen und beschweren uns über die einseitige Mode, die alle tragen. Dabei liegt es genau in unseren Händen, das zu verändern. Es geht nicht darum, seinen Kleiderschrank vollkommen selbst zu nähen und zu stricken. Vielmehr geht es darum, sich durch Kleinigkeiten von den anderen abzuheben und etwas zu tragen, was nun mal nicht jeder hat. Ein Unikat zu schaffen, das die eigene Persönlichkeit widerspiegelt. Sagen zu können: „Das habe ich selbst gemacht." Man muss deswegen nicht jeden Tag von morgens bis abends stricken, sondern kann es schrittweise angehen, wie es diese Frauen auch tun. Abends ab und zu eine Stunde vor dem Fernseher stricken, um runterzukommen, sich von dem Alltag zu erholen. Eine Mütze sei so innerhalb von wenigen Tagen gestrickt.

Ich beende diesen Abend sehr beeindruckt und etwas klüger. Bei dem Treffen habe ich nicht nur gelernt, was ein Verlaufsgarn ist, sondern darüber hinaus auch hilfreiche Tipps abgreifen können. Zudem finde ich die verschiedenen Sichtweisen der Frauen sehr inspirierend. Dass sie Mode als einen Anteil der Selbstverwirklichung ansehen und ihn auch so behandeln, hat bei mir große Bewunderung erzeugt. Wir können noch viel von ihnen lernen. Denn eins konnte ich den ganzen Abend über feststellen: Diese Frauen schaffen noch mit Herz und Hand.

Von Anna Musch
Veröffentlicht am 16.04.2018