Holocaust-Mahnmal Berlin

Holocaust-Mahnmal – Spielplatz oder Denkmal?

Ein Meer aus Stelen. Foto: Amber-Louise Esser
Selfies in der Gedenkstätte - Ein No-Go? Foto: Amber-Louise Esser

BERLIN. Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas ist Besuchern frei zugänglich. Es soll an die 6 Millionen Juden erinnern, die unter der Führung von Adolf Hitler und den Nationalsozialisten ermordet wurden. Die Realität lässt allerdings Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Gedenkens aufkommen. Was sich dort abspielt, ist alles andere als eine stille Anteilnahme. Ein Kommentar.

Das Holocaust-Mahnmal besteht aus einem wellenförmigen Feld mit 2711 sogenannten Stelen. Diese sind freistehende, mit Inschriften versehene Pfeiler. Eigentlich eine tolle Idee, sich mit der deutschen Geschichte auseinander zu setzen, auch ohne Eintritt zahlen zu müssen. Das dachte ich zumindest, bis ich es besucht hatte. Die Realität sieht nämlich leider ganz anders aus: Hüpfen von Stele zu Stele. Selfies im Denkmallabyrinth. Schreien, herumtoben. Bin ich hier gerade wirklich an einem Denkmal? 

Eigentlich ja ganz süß, wenn die Kinder mit ihren Eltern fangen oder verstecken spielen. Die Betonung liegt auf „eigentlich“. Denn für mich war es alles andere als lustig in Schritttempo durch das Mahnmal zu laufen und dabei fast über den Haufen gerannt zu werden. Nicht, dass das alles gewesen wäre, nein. Der Tropfen, der das Fass letztendlich zum Überlaufen gebracht hat, war das Geschrei der Kinder: „Du kriegst mich nicht“ und die lautstark lachenden Eltern, die ihren Kindern hinterhereilten, um sie dann doch zu fangen. Ich verstehe, dass kleine Kinder noch nicht so viel Gefallen an der deutschen Geschichte finden. Von Eltern oder jungen Erwachsenen erwarte ich allerdings einen gewissen Respekt für die Menschen, denen dieses Denkmal gewitmet ist. Direkt nebenan befindet sich ein Park, an dem Groß und Klein rumtoben könnte.

Auch die Sicherheitskräfte waren eine pure Enttäuschung. Da kommt die Frage auf: Schachfiguren oder Security? So wie diese dort standen, wirkte es eher, als würden sie zum Inventar des Denkmals gehören. Irgendeinen Job haben sie nicht ausgeübt – zum Eingreifen waren sie sich wohl zu schade. Es schien eher so, als seien sie nur dazu da, um miteinander zu quatschen. Eingreifen würden sie vielleicht erst dann, wenn jemand versucht, einen Köpper von einer Stele zu machen. 

Sieht so Gedenken aus?

Ist schon mal jemand von euch auf einem Gemälde im Museum herumgetrampelt? Ich kann es mir nur schlecht vorstellen. Am Mahnmal musste ich dies gar nicht mehr tun. Klassen, Gruppen aus Erwachsenen und Kindern liefen gut gelaunt AUF den Stelen rum, aßen auf ihnen oder hüpften von Einer zur Nächsten. In Museen darf man teilweise Fotos von bestimmten Gemälden machen, dies aber auch oftmals nur ohne Blitz. Wie sieht es hier aus? Gar kein Problem! Ein paar neue Fotos für Instagram, ein neues Profilbild für Facebook oder ein paar Selfies für Whatsapp... Hier ist scheinbar alles erlaubt. Zwar habe ich kein Problem, wenn jemand mal das ein oder andere Foto schießt, aber hier ist definitiv kein geeigneter Ort für ein Foto-Shooting. Denn das Andenken an die sechs Millionen ermordeten Juden während des Nationalsozialismus sollte in meinen Augen anders aussehen.

Für mich und viele andere ist das Holocaust-Mahnmal mehr als nur eine Touristenattraktion. Das Verhalten der Besucher lässt allerdings oftmals den eigentlichen Grund des Denkmals in den Hintergrund rücken. Anwesende sollten die Stelen des Denkmals ertasten, einmal in sich gehen und in Ruhe über die Geschehnisse im letzten Jahrhundert nachdenken. Das Holocaust-Mahnmal ist ein besonderer Ort des Gedenkens, der uns das Schicksal der damaligen Juden bewusst machen und ein Vergessen verhindern sollte.   

Von Amber-Louise Esser
Veröffentlicht am 11.05.2019