Kommentar

Sexuelle Belästigung auf Festivals

Sexuelle Belästigung hat nichts mit Flirten zu tun und ist auch kein Kompliment. Grafik: Pixabay

Ein Kommentar. Der Frühling weicht langsam dem Sommer, denn die Temperaturen klettern immer öfter auf über 25 Grad. Für viele heißt es ab ins Freibad oder an den See. Andere freuen sich schon seit Monaten auf die Festivalsaison. Egal ob nur für einen Abend oder mehrere Tage mit dem Zelt, für Festivalliebhaber ist es das Highlight des Sommers. Doch wenn viele Menschen ausgelassen Feiern und Alkohol fließt, kommt es manchmal zu unschönen Momenten. Zu Momenten, in denen fremde Menschen einen unsittlich berühren: zu sexueller Belästigung.

Als Frau Feiern zu gehen, ist schon ein Erlebnis. Ich bin schon gar nicht mehr überrascht vom unangemessenen Verhalten fremder Menschen. Dumme Anmachsprüche. Leute, die einen einfach umarmen wollen oder einen Klapps auf den Po geben. Auch ich habe das schon am eigenen Leib erfahren müssen. Auf dem „Farbgefühle Festival“ 2017 habe ich gleich zwei Situationen erlebt, die noch krasser waren. 

Sich fröhlich tanzend zu elektronischen Klängen mit Farbbeuteln bewerfen, das ist das Prinzip des Festivals mit indischem Ursprung. Beim Bewerfen mit den Farbbeuteln wurde ich von einem Wildfremden mit der Farbe eingerieben. Prinzipiell bei der ausgelassenen Stimmung nichts Besonderes, eigentlich auch Normales, wenn man mal einen Farbabdruck auf den Rücken bekommt. Nicht aber, dass er dabei ausführlich an meine Brüste fasste. Etwas, das in mir Unverständnis hervorruft. Ich ziehe ja auch nicht los und fasse Männern wahllos in den Schritt. Was hätte ich auch davon? Besagter Typ bekam von mir eine saftige Ansage. Ein Weilchen später saß ich auf den Schultern meines Kumpels, als ich einen kräftigen Schlag auf den Po spürte. Er schmerzte. Wer ihn ausführte ist mir unklar, das ging im Trubel unter.

Beide Erlebnisse haben mich weder traumatisiert, noch fühlte ich mich schmutzig. Meine einzige Reaktion darauf: genervt sein. Genervt, weil ich mich frage: was für dumme Leute haben das nötig? Was haben sie davon? Wollen sie ihre Hand jetzt nie wieder Waschen? Mehr Gedanken kommen mir zunächst nicht.

Aber genau das ist es ja! Wenn ich länger darüber nachdenke, ist das eigentlich Schlimme, dass selbst ich als Frau, ein solches Erlebnis genervt wegstecke und es schon als normal ansehe. Dass ich weiß, dass man schon fast damit rechnen muss, wenn man ausgeht. Das ist das eigentlich Traurige. Und so ist das ja nicht nur auf Festivals. So ist das zur späten Stunde in der Bahn, wenn der Mann ein paar Sitze weiter mit den Händen den Geschlechtsakt nachstellt und mich dabei anguckt. Das ist unverschämt und respektlos!

So ist das auch, wenn man als Frau feiern geht. Mit dem Alkohol fallen die Hemmungen und schnell spürt man einen Arm um sich und feuchte Lippen auf seiner Wange. Wieder ein Fremder, den ich verständnislos wegschubse. Vielleicht hätte ich auch mal eine Ohrfeige verteilen sollen, aber bisher habe ich mir noch immer anders geholfen. Am Ende dürfte man sich als Frau dann wieder anhören, hysterisch zu reagieren, wenn man mal die Hand erheben würde.

Ich bin schockiert über die Dreistigkeit mancher Menschen. Darüber, dass sexuelle Belästigung scheinbar immer wieder mit Flirten verwechselt wird, und dass sowas selbst dann passiert, wenn die Frau auch mit männlichen Freunden unterwegs ist.

Und leider ist es kein Einzelfall. Wenn ich mit meinen Freundinnen spreche, könnten wir einen ganzen Abend mit solchen Geschichten füllen. Meine Freundin Lena wurde bei Rock am Ring bedrängt. Ein Typ, mit dem sie nur wenige Worte wechselte, probierte sie in sein Zelt zu drängen und sagte immer wieder „Komm schon, du willst es doch auch.“ Sophie wurde beim Deichbrand Festival unter all den Menschen vor der Bühne, von hinten umfasst und ein fremder Mann drückte seinen erigierten Penis an sie. Und das sind nur die krassen Geschichten, die herausstechen.

Ich finde es schlimm, dass wir im 21. Jahrhundert noch immer zu kämpfen haben. Es tut mir leid für alle Frauen. Was mir aber am meisten Leid tut: All die Männer, die sowas nie tun würden und in den gleichen Topf gestopft werden. Sie sind in der Mehrzahl und leiden unter dem schlechten Benehmen anderer Männer.

Von Melina Seiler
Veröffentlicht am 16.05.2018